Wie viel Wahnsinn erträgt die Welt? – Eine weltliche Psychose

Als der Vorhang fällt, sich das Tor zur Irrenanstalt schließt und die Schauspieler ihren Wahnsinn abgelegt haben, ebnet sich im Wiener Volkstheater schwellender Applaus der Bühne entgegen. Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ ergründet mit Wahnwitz gesellschaftliche und wissenschaftliche Realität. Vierundvierzig Jahre nach seiner Uraufführung bleibt der Klassiker zeitlos unangenehm. Der Irrsinn scheint menschlich zu sein, ob gewollt, oder doch gezwungen.

Kaum ein Satz beschreibt dieses Werk präziser als Friedrich Dürrenmatts Überzeugung, dass die „schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, die Wendung in die Komödie“ ist. Frei nach diesem Eindruck zeigt „Die Physiker“, dass je mehr der Mensch sein Leben erkennt und erforscht, desto mehr treibt es ihn in einen Wahnsinn, dem Galgenhumor seiner Gesellschaft. Verpackt in diesem Zynismus lässt Dürrenmatt sein Publikum in die humorvolle Woge der Ironie tappen, während es beginnt zu zweifeln wieviel Fiktion hinter der Handlung steckt.

Im Mittelpunkt des Theaterstückes steht Johann Wilhelm Möbius, ein äußerst begabter Wissenschaftler und Physiker, der nach jahrelanger Forschung eine Weltformel entdeckt hat, die in falschen, gar bösen Händen das Ende der Welt bedeuten würde. Um dies zu verhindern, entschloss er sich sein Leben der Menschheit zu opfern und sich als dem Wahnsinn Verfallener in eine Anstalt zu begeben. Unter dem Deckmantel des Irrsinns gibt er vor, König Salomo würde ihm erscheinen und zu ihm sprechen. Zusammen mit zwei weiteren Insassen, die sich als Albert Einstein und Isaac Newton sehen, lebt er in der edlen Villa der Klinik von Frau Dr. Mathilde von Zahnd. Jedoch weiß Möbius nicht, dass sich hinter Einstein und Newton zwei Physiker verstecken, die sich seiner Weltformel annehmen wollen, und, wie er , selbst, sich nicht als verrückt bezeichnen würden. Es dämmert dem Zuseher, dass Wahnsinn viele Formen kennt.

Zu Beginn des Werkes wird die Krankenschwester Irene Staub, welche die wahre Identität Einsteins zu lüften drohte, von diesem ermordet. Deshalb tritt Inspektor Voß auf, dessen Geduld nach der früheren Tötung einer Schwester durch Newton aus demselben Grund, enden wollend ist. Mit gespitzten Dialogen zwischen Voß und der Oberschwester bzw. +Fräulein von Zahnd, lässt Dürrenmatt erkennen, wie Gerechtigkeit und Schuld dem Wahnsinn unterliegen. Während die Medizin die Ermordung als Folge einer Krankheit sieht, fordert die Justiz, vermutlich die Gesellschaft Recht und Gerechtigkeit ein. In seinen ersten Szenen spricht das Werk eine fundamentale Frage nach dem Umgang der Gesellschaft mit dem unkontrollierbaren, gefährlichen Teil seiner an. Die Bestrafung im Sinne des Wegsperrens, des Ausschließens aus der Gesellschaft und die ständige Suche nach der Verantwortlichkeit, kritisiert Dürrenmatt ohne einen Lösungsansatz. Es bleibt der sich vor der Realität ergebende Humor. Nach einem weiteren Mord an der Schwester Monika Stettler, verübt durch Möbius, dessen falschen Irrsinn sie durch ihre Liebe zu ihm zu entwirren droht, gibt sich Voß zufrieden. Der Täter bleibt für ewig eingesperrt, seine Pflicht scheint erfüllt. Der Inspektor fügt sich den Gegebenheiten, ohne sie zu hinterfragen. Ein Sittenbild, wie es provokativ erscheint.

Nach diesem Mord scheint das Schicksal der drei Wissenschaftler, bis zu deren Lebensende eingesperrt in einem Sanatorium zu sein, besiegelt. Aus der Verzweiflung lüften Newton, Einstein und schließlich auch Möbius ihr Geheimnis. Die zwei Physiker versuchen Möbius nun von ihrer jeweiligen Seite zu überzeugen und nur einen von ihnen die Weltformel zu verraten. Während Newton argumentiert, Möbius hätte als Wissenschaftler eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber und müsse seine Errungenschaft für diese durch ihn offenlegen, ist Einstein der Meinung, dass Möbius einer Partei seine Formel zur Verfügung stellen muss, um dieser einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Dadurch könnte er den Zwist beenden und somit zukünftig für jeden eindeutige Verhältnisse schaffen. Dennoch weisen beide die Verantwortung für die Entwicklung von sich und schieben diese auf die Allgemeinheit oder die politische Partei. Schließlich offenbart ihnen Möbius, er hätte die Schriften zu seiner Formel verbrannt. Schweigen. In dieses tritt Mathilde von Zahnd. Kurz, scheinbar im Vorbeigehen, erklärt sie, die Dokumente von Möbius kopiert zu haben und nun nach der Weltherrschaft zu streben. Die drei Wissenschaftler im Angesicht der Vernichtung der Welt und ihrem eigenen Untergang, verfallen den Wahn und ihren Rollen.

Der Mensch und seine Technik

Dies hinterlässt Eindruck bei einem Publikum im gefüllten Volkstheater, welches sich bei der Schwere der Thematik über die Pointen freute, und dennoch wohl nachdenklich den Saal verließ. Es bedurfte keiner Glanzleistung des Ensembles, um dieses Stück in Erinnerung zu behalten.

Dürrenmatts Werk ist in der Zeit der Atombombe und des Kalten Krieges angesiedelt. Er wollte beweisen, welche enormen Folgen Wissenschaft für die Gesellschaft, für die Menschheit haben kann. Seine Frage nach der Ethik von Technologie und Erneuerungen ist noch heute präsent, verändern sie doch unsere Lebenswirklichkeit. Die Entzauberung der Welt, die ständige Suche nach der Wirklichkeit lässt den Menschen diese verkennen.

Schließlich zweifelt dieses Stück am Vorteil des allgemeinen Fortschritts der Technik. Eine Veränderung der Gesellschaft durch diese, ist eine Bereicherung für einen Teil, während sie einen anderen schadet. Keine Technologie ist vollends richtig. Die Weltformel ist ein Synonym für diese Gesamtheit der Technik, die enorme Fähigkeiten und Risiken für die Menschheit in sich birgt. Möbius entscheidet die Vorteile der Wissenschaft zu opfern und stellt sich damit gegen den Progress.

Aber wie lässt Dürrenmatt Mathilde von Zahnd sprechen: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ und so bewegt sich die Geschichte, die Menschheit unaufhaltsam auf ihr Ende zu. Diese ablehnende Haltung gegenüber der Wissenschaft und ihren Folgen, gründet in der Bedrohung durch die Atombombe, verliert sich nun aber in der Digitalisierung, einer Technik, die gleichzeitig vernetzt und dennoch den Menschen in andere Welten drängt. Das Internet und seine Auswirkungen auf das menschliche Leben sind immens und werden von Großteilen der Gesellschaft kaum ergründet, obwohl sie eine Tendenz zur Abkehr von der Realität zeigen. Das moderne Irrenhaus? – möchte man philosophisch fragen.

„Die Physiker“ ist eine Warnung an die Gesellschaft nicht nur die äußeren Begebenheiten, sondern vor allem sich selbst zu erforschen. Wissenschaft hat nach Dürrenmatt die Pflicht den Planeten nicht zu gefährden. Da sie nicht kontrolliert werden kann, ist es somit Aufgabe der Allgemeinheit diese zu überwachen.

Schlussendlich zweifelt man, wie sehr die Gesellschaft dies tut, oder wie sehr sie sich von der Wissenschaft und Technologie leiten lässt, ohne diese ernsthaft zu hinterfragen. Eins ist jedoch gewiss, zur Digitalisierung hätte Dürrenmatt eine Komödie verfasst.

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